Was ist genuine Homöopathie

Was ist genuine Homöopathie

26. Mai 2022 0 Von Christoph Budde

von Sabine Mühlbauer

Über die Chinarinde zur Entdeckung der Homöopathie
Der in Meißen geborene Arzt Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755 – 1843) verdiente sich neben seiner ärztlichen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt durch die Übersetzung medizinischer Werke. Um 1790 arbeitete er an einem Lehrbuch des Schotten William Cullen. Dieser erklärte darin, dass „Chinarinde wegen ihrer magenstärkenden Wirkung gegen Malaria helfe“.
Da Hahnemann bereits Erfahrung in der Behandlung von Malaria hatte und über profunde Kenntnisse in Pharmazie und Chemie verfügte, erschien ihm diese Begründung unplausibel, ja absurd. Er entschloss sich zu einem Selbstversuch:
„Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedes Mal vier Quäntchen gute China ein; die Füse, die Fingerspitzen wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Ängstlichkeit, ein Zittern, eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit kurzem: auch die mir bei Wechselfieber gewöhnlich besonders charakteristischen Symptome, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Schläfrigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in dem Peri Ostium über allen Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben scheint – alle erschienen. Dieser Paroxysmen dauerte zwei bis drei Stunden jedes mal, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf, und war gesund.“


Similia similibus curentur – Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden
Hahnemann zog aus dieser Erfahrung einen radikalen Schluss: Man dürfe nicht gegen das Leiden, man müsse mit ihm arbeiten. Denn eine Arznei, die beim Gesunden eine Scheinkrankheit hervorrufe, die kuriere beim Kranken die echte Krankheit. „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“, mit diesem sogenannten „Simile-Prinzip“ überschrieb Hahnemann seine Idee und schuf die Basis einer neuen Lehre: Der „Homöopathie“.
1796 gilt als Geburtsjahr der Homöopathie. Hahnemann trat erstmals mit seiner grundlegenden Schrift „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen“ an die Öffentlichkeit.
Hahnemann wollte mit seiner Homöopathie Patienten einen sanften Weg aus ihrer Unmündigkeit weisen. Heraus aus einer Medizin, die kranke Menschen schröpfte, sie mit Blutegeln quälte oder zum Aderlass nötigte.


Organon der rationellen Heilkunde (1810)
In den folgenden Jahren verfeinerte Hahnemann die Behandlung seiner Patienten mittels des Ähnlichkeitsprinzips weiter, indem er die Dosis der Arzneien immer mehr verkleinerte. Akribisch dokumentierte er seine Vorgehensweise in Krankenjournalen – für die damalige Zeit noch ganz unüblich. Seine gesammelten Erfahrungen fasste der Arzt erstmals 1810 im „Organon der rationellen Heilkunde“ (später: Organon der Heilkunst) zusammen, das bis heute in der 6. Auflage ein Standardwerk für Genuine Homöopathen ist.


SÄULEN DER GENUINEN HOMÖOPATHIE
Das Ähnlichkeitsprinzip

Bereits vor 4000 Jahren finden sich in den vedischen Schriften erste Erwähnungen des Ähnlichkeitsprinzips. Sogar Hippokrates (ca. 460 – 337 v.Chr.) führt das Ähnlichkeitsprinzip als eine Behandlungsmöglichkeit in die Heilkunde ein. Hahnemann bezieht sich des Öfteren auf ihn als einen seiner Vorläufer.
„Similia similibus curentur – Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“
Es wird eine Arznei verordnet, deren individuelle Prüfungssymptome beim Gesunden mit den individuellen Krankheitssymptomen beim Kranken eine Ähnlichkeit aufweisen. Beim Gesunden werden durch die Arznei individuelle Prüfungssymptome hervorgerufen. Beim Kranken wird durch die Arznei ein individueller Heilungsverlauf in Gang gesetzt. Akteur in diesem Denkmodell ist die, jedem Menschen innewohnende, Lebenskraft.
Da die Modelle von Physik, Chemie und Mechanik für Hahnemann nicht ausreichend erschienen, um die Lebensvorgänge in Natur und Mensch zu beschreiben, wählte er – dem Stil seiner Zeit gemäß – ein „vitalistisches“ Modell. Dazu postulierte er das Vorhandensein einer „dynamischen Lebenskraft“, für die er die synonymen Begriffe „Lebensprinzip“, „Lebens-Energie“, „Dynamis“ und „Autokratie“ verwendete.
Diese, dem homöopathischen Denkrahmen zugrunde liegende, Unterscheidung wurde in § 9 und § 10 des Organon festgeschrieben:
„Im gesunden Zustand des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organismen) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Tätigkeiten, so dass unser in wohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höheren Zwecke unsers Daseins bedienen kann.“ „Der materielle Organismen, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Tätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig (Er ist tot, nun bloß der Macht der physischen
Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandteile aufgelöst); nur das immaterielle, den materiellen Organismen im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprinzip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.“


Die Arzneimittelprüfung
Um eine Arznei beim kranken Menschen sicher anwenden zu können, sollte ihre Wirkung am gesunden Menschen bekannt sein. Die homöopathische Arzneimittelprüfung beruht auf einer systematischen Beobachtung und Erfassung von Symptomen, hervorgerufen durch die definierte Gabe eines homöopathischen Arzneimittels an gesunde Menschen (Probanden, Prüfer).


Homöopathische Arzneien
Die Herstellung der homöopathischen Arzneien wurde von Hahnemann entwickelt und über Jahrzehnte verbessert und ergänzt. Er startete mit der Verwendung von pflanzlichen, tierischen, mineralischen und chemischen Arzneien seiner Zeit.
Diese Substanzen werden schrittweise mit Milchzucker verrieben und / oder mit Wasser und / oder Alkohol in Stufen verdünnt und verschüttet. Potenzierung oder Dynamisierung bezeichnet diese in der Homöopathie angewandte Methode zur Herstellung von homöopathischen Arzneimitteln. Die Ausgangssubstanz ist ab einer bestimmten Potenzierung nicht mehr nachweisbar.
Aktuell gibt es über 3000 geprüfte homöopathische Einzelmittel aus Pflanzen, Pilzen; Tieren, Tierstoffen; Mineralien, Metallen. Salzen. Säuren; Nosoden usw.


Organon der Heilkunst, 6. Auflage
Genuin bedeutet „ursprünglich, original, echt“. Genuine Homöopathen arbeiten nach den Anweisungen Samuel Hahnemanns, wie er sie im Organon der Heilkunst, 6. Auflage, hinterlassen hat.


Entwicklung der Homöopathie in Deutschland
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Homöopathie im deutschsprachigen Raum nur wenig verbreitet. Homöopathen wie Pierre Schmidt machten sie hierzulande ab den 1950ern jedoch wieder populär. Genuin arbeitende Homöopathen weisen heute darauf hin, dass dabei aus den USA z.B. durch James Tyler Kent (1849 – 1916), ungeprüft Veränderungen an Hahnemanns ursprünglicher Lehre übernommen wurden, die nicht im Einklang mit Hahnemanns Lehre sind.


Vertreter der Genuinen Homöopathie
Wichtige Vertreter der Genuinen Homöopathie sind Will Klunker, Georg von Keller und Uwe Plate. Klunker prägte 1998 in einem Vortrag den Begriff „Hahnemanns Genuine Homöopathie“ und wendete sich vor allem gegen die, in seinen Augen in der Klassischen Homöopathie praktizierte Überbetonung der Geistes- und Gemütssymptome. Georg von Keller propagierte die Arzneifindung über die Materia medica und nicht (allein) über die Repertorien. Von dem Heilpraktiker Uwe Plate stammt das zentrale Werk der Genuinen Homöopathie, das Symptomenlexikon. Die Genuine Homöopathie versteht sich als geeignetes Verfahren für alle Krankheitszustände des Patienten.


Kernaussagen der Genuinen Homöopathie
Die Genuine Homöopathie betrachtet die Symptome des aktuellen Krankheitszustandes als Grundlage der Mittelfindung und beruft sich hierbei auf § 6 des Organons:
„Der vorurteilslose Beobachter, – die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen, – nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentieren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.“
Die Ähnlichkeit zwischen Beschwerde Bild und Arzneimittelbild soll nach der Genuinen Homöopathie nur über Symptomelemente und ihr mehrfach kombiniertes Auftreten erkennbar sein. Diese Symptomelemente sind die einzelnen Kategorien eines Symptoms, zum Beispiel die Modalitäten (also unter welchen Umständen sich ein Symptom bessert oder verschlechtert) oder wie der Patient die Beschwerden empfindet (also etwa ob ein Schmerz als stechend, drückend oder ziehend empfunden wird). Für derartige Bestandteile der Symptome verwendet die Genuine Homöopathie den Begriff „Zeichen“.
Nicht also das Symptom als solches, sondern seine Bestandteile versteht der genuin arbeitende Homöopath als Weg, im Krankheitsbild das „Charakteristische“ zu erkennen und ein Mittel zu wählen, welches in diesen „Zeichen“ dieselbe Charakteristik beinhaltet. Als charakteristisch wird hierbei verstanden, was sich durch Krankheitsbild und/oder Arzneimittelbild „durchzieht“, also in derselben Weise mehrfach auftaucht.
In diesem Vorgehen berufen sich genuin arbeitende Homöopathen vor allem auf die §§ 153 und 154 des Organons:
„Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch spezifischen Heilmittels, das ist, bei dieser Gegeneinander Haltung des Zeichen-Inbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die
Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien um unter diesen eine, dem zu heilenden Übel in Ähnlichkeit entsprechende Kunstkrankheits-Potenz zu finden, sind die auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und einheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest ins Auge zu fassen…“
Nach Kent und in der Klassischen Homöopathie werden Geistes- und Gemütssymptome bei der Arzneiwahl höher gewichtet als körperliche Allgemeinsymptome und diese höher als lokale Symptome. Dieser Hierarchie folgt die Genuine Homöopathie nicht. Hier ist für die Wahl des Mittels das Finden der auffälligsten „Zeichen“ ausschlaggebend. Auch bei der Beurteilung der Arzneimittelbilder orientieren sich genuin arbeitende Homöopathen klar an Hahnemann und seiner Forderung nach Arzneimittelprüfungen am Gesunden:
Ausschließlich die Ergebnisse von Arzneimittelprüfungen sollen eine solide Basis für die Arzneimittelwahl liefern, weil man nur so das „ähnliche Leiden“, wie es Hahnemann in der Einleitung des Organons beschreibt, erkennen kann. Symptome, die allein aus der klinischen Beobachtung Kranker stammen, haben für die Arzneifindung untergeordnete Bedeutung. Repertorien werden deshalb nicht als einzige Grundlage der Arzneimittelwahl herangezogen.
Die Arzneimittelwahl erfolgt auf Basis der Materia medica oder Uwe Plates Symptomenlexikon, die ja pure Materia Medica ist. Das Symptomenlexikon basiert auf den Arzneimittellehren Hahnemanns und weiterer Archive, das Ordnungsprinzip sind jedoch die Symptombestandteile. Diese Anordnung nach den für die Genuine Homöopathie entscheidenden „Zeichen“ erleichtert das Erkennen der charakteristischen Zeichen und Zeichenkombinationen.


„Machts nach, aber machts genau nach!“
Bereits 1796 erkannte Hahnemann, dass die Anwendung seiner neuen Lehre viele Fallstricke bereithält. Heilungserfolg hängt in hohem Maße von der präzisen Einhaltung der Anweisungen Hahnemanns ab. Das wiederum erfordert profunde Grundkenntnisse zu Methodik und Arzneimitteln. Auch der Zeitaufwand für Anamnese, Analyse, Hierarchisierung, Repertorisation und Materia Medica-Vergleich sind gerade am Anfang der Therapeuten-Laufbahn enorm, wenn er/sie sich für den Weg der Genuinen Homöopathie entschieden hat.
Doch die Mühe lohnt sich: Genuine Homöopathie macht deshalb so viel Freude, weil die Heilungsquote erstaunlich hoch liegt und das Konzept Samuel Hahnemanns, das im Organon der Heilkunst erklärt wird, jeden Tag aufs neue bestätigt. Das zeigt die Praxis. Auch heute noch, über 200 Jahre später. Danke Samuel Hahnemann!

Sabine Mühlbauer, Heilpraktikerin

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Quellen
https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Genuine_Hom%c3%b6opathie
http://www.doktor-quak.de/wp-content/uploads/2014/01/Das-Denkmodell-der-Lebenskraft-.pdf
https://www.amazon.de/Kursbuch-Hom%C3%B6opathie-Michael-Teut/dp/3437576305
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